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Tourbillon „Gegen die Schwerkraft“


Stand: 12/2017


Artikel in der Landeszeitung – Das Magazin –

Erschienen in der Ausgabe 8./9. 11. 2003

„Gegen die Schwerkraft“

Zwei abgeschürfte Ledersessel, ein Bett mit gelbem Bettzeug. Auf dem alten Holztischchen zwischen den Sesseln die chaotische Ansammlung unterschiedlichster Dinge, dazu ein Frühstücksbrett, eine Teetasse, ein Glas Gewürzgurken, eine Schachtel Rothändle. Der nur wenige Quadratmeter große holzvertäfelte Raum daneben ist eine Werkstatt: ein Tisch mit filigranem technischen Gerät, ein Schrank mit vielen Schubladen, ein Stuhl.

Die Wohnung in der Lüneburger Altstadt wirkt wenig kreativ. Dennoch ist sie eine Stätte höchster Kunstfertigkeit. Dort entwickelte der Lüneburger Uhrmacher Reinhard Meyer die Pläne zum Bau eines Präzisionsgeräts, das nur die Wenigsten in der Lage sind herzustellen: eine Uhr, die der Schwerkraft trotzt - eine Tourbillon. Am Sonntag, 16. November, wird das ungewöhnliche Stück in der Ritterakademie der Öffentlichkeit präsentiert.

Erfunden wurde die Tourbillon, was übersetzt Wirbel heißt, Ende des 19. Jahrhunderts von dem Franzosen Abraham-Louis Breguet, der seine Erfindung 1801 zum Patent anmeldete. Mit dieser aufwändigen Uhrentechnik werden Gang-Ungenauigkeiten ausgeglichen, die durch die Einwirkung der Gravitation entstehen. Dabei befinden sich das so genannte Hemmungsrad, der Anker und die Unruh in einem Drehgestell, das sich in der Regel innerhalb einer Minute einmal um sich selbst dreht. Ein äußerst diffiziler Mechanismus, der als eine der genialsten Erfindungen in der Uhrengeschichte gilt.

„Es heißt, wer es tatsächlich geschafft hat, eine Tourbillon zu bauen, wird dies nie wieder tun“, sagt Reinhard Meyer. Der 55-Jährige, schwarzer Vollbart, weißer Uhrmacherkittel, hat knapp zwei Jahre an seiner Taschenuhr gearbeit. Die Uhr ist ein Originalnachbau der weltberühmten Glashütter Tourbillons, die von 1926 bis 1935 in äußerst begrenzter Stückzahl unter der Anleitung des genialen Konstrukteurs Alfred Helwig an der sächsischen Uhrmacherschule Glashütte gebaut wurden.

Das Besondere an der ohnehin unglaublich komplizierten Technik ist, dass jedes einzelne der weit mehr als 150 Teile per Hand von dem Lüneburger Uhrmacher angefertigt wurde – in einer Genauigkeit von eineinhalb Hundertstel Millimeter. Nur zwei Zahnräder kommen aus dem Hause Omega. „Die wurden von mir allerdings komplett nachgearbeitet“, erklärt Meyer. Im Gegensatz zu den meisten handgefertigten Tourbillons ist die Lüneburger „fliegend“. Das heißt, das Drehgestell ist im Gegensatz zu anderen Tourbillons nicht an zwei, sondern nur an einer Seite gelagert. Und: Meyer baute sogar die Chronometer-Hemmfeder selbst, eine Arbeit, die in der sächsischen Glashütte-Manufaktur die hochwertigste Arbeit für ein Meisterstück war.

Selbst die kleinsten Schräubchen, teilweise gerade einmal zwei Millimeter groß, wurden von Meyer per Hand gedreht und gefeilt. „Alle Kanten sind dazu noch gebrochen und poliert“, erklärt der Lüneburger. „Sonntag machen“ heiße das im Uhrmacherjargon. „Das tut nicht Not“, sagt Meyer und fügt hinzu, „die ganze Uhr tut nicht Not. Es gibt nicht viele, die alles selbst gemacht haben. Und wer es doch gemacht hat, der hat einen Schaden“, dabei grinst er über das ganze Gesicht. Warum er die Uhr dennoch gebaut hat? „Um mich selbst zu beweisen. Wenn man so eine Uhr gebaut hat und die funktioniert dann wirklich, die läuft, dann ist man schon ein wenig stolz.“

Meyer ist bis auf seinen Wartungsauftrag für die Rathausuhr arbeitslos. Die Tourbillon zu bauen war nur möglich, weil sie eine Auftragsarbeit seines Freundes, des Antiquitätenhändlers Michael Maué ist, der das Material, überwiegend Gold, sponserte. Maué ist nach der endgültigen Fertigstellung auch der Besitzer der Uhr, die dann in einem goldenen Taschenuhr-Gehäuse stecken wird. So ist neben dem Namen des Erbauers Reinhard Meyer, dem Herstellungszeitraum 2002/2003 auch der Name Michael Maué in das Uhrwerk eingraviert.

Seit sechs Jahren wartet Reinhard Meyer im Auftrag der Stadt die Lüneburger Rathausuhr. Zuvor war 24 Jahre lang sein Vater Helmfried Meyer dafür zuständig, der bis 1981 ein Uhrengeschäft Am Markt 4 betrieb. In diesem Frühjahr verstarb Meyer senior. „Leider hat mein Vater die Fertigstellung der Tourbillon nicht mehr erlebt“, sagt Reinhard Meyer. Sein Vater hatte nämlich selbst einmal, in den Jahren 1979/80, eine „fliegende Minuten-Tourbillon“ gebaut.

Die Initialzündung dafür gab der inzwischen verstorbene Friedrich Leutert, Gründer des Adendorfer Feinmechanikerbetriebes Leutert in Adendorf. Gelernt hatte der sein Handwerk in der Glashütte Sachsen, baute dort vor dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls eine Tourbillon. „Im Krieg war die Uhr durch Bomben beschädigt worden, mein Vater sollte die Uhr wieder aufpolieren“, so Meyer. Diese Uhr habe den Vater nicht wieder losgelassen, der daraufhin seine eigene Tourbillon baute. Vier weitere – allerdings keine fliegenden mehr – folgten.

Für einen so genannten Wippenchronometer baute Reinhard Meyer einmal im Geschäft seines Vaters eine Feder. „Mein Vater sagte, wenn du so eine Feder bauen kannst, dann kannst du auch eine Tourbillon bauen“, so Reinhard Meyer. Eine große Anerkennung, denn Helmfried Meyer sei eher sparsam mit Lob umgegangen. Als sein Sohn jedoch im vergangenen Jahr das Drehgestell für die Tourbillon fertig hatte und der Senior es in einem Halter in alle Richtungen bewegte, ohne dass die Unruhe aufhörte zu drehen, da konnte sein Sohn die Hochachtung des Vaters spüren. „Besser geht es nicht“, habe er gesagt.

Am 16. November, bei der Luna-Antikmesse in der Ritterakademie, wird Reinhard Meyers Tourbillon laufen. Damit der Chronometer seine Gang-Ungenauigkeit von nur maximal drei Sekunden am Tag erreicht, egal bei welcher Außentemperatur, braucht Reinhard Meyer anschließend noch gut ein halbes Jahr für die Feinjustierung. Danach soll das Werk zur Sternwarte nach Hamburg gebracht werden, um dort eine Bescheinigung für die hohe Ganggenauigkeit zu bekommen.

„Zu sehen sind solche Tourbillons nur selten. Das Gros dieser Uhren ist in Sammlerbesitz“, sagt Michael Maué. Für eine ,einfache', nicht fliegende Tourbillon aus Silber würden um die 20 000 Euro ausgegeben, für Glashütte- und Brequet-Tourbillons bis zu eine halbe Million Euro. Deshalb arbeitet Reinhard Meyer an der Tourbillon auch nicht in seiner Wohnung in der Altstadt, sondern in der ehemaligen Werkstatt seines Vaters in Steinbeck. Und in der Zeit dazwischen liegt sie bei Maué im Safe.

Autor: Kai Werner Lievenbrück, Quelle: Landeszeitung